Typisch für die Zucht moderner Sportpferde ist eine Fokussierung auf Topvererber und auf die einseitige Nachfrage. Damit wird jedoch nicht nur eine länderübergreifende Vereinheitlichung von Rassen, sondern vor allem auch ein als kritisch zu beurteilender Verlust genetischer Vielfalt verursacht.

Doch die ursprünglichen und vom Aussterben bedrohten Pferderassen selbst sind ebenfalls betroffen vom Schwund genetischer Informationen. Die Gründe für die Einschränkung des genetischen Austauschs sind hier der Rückgang der Populationsgrößen, fehlende Möglichkeiten für die bedeutende Blutauffrischung und Änderungen oder Einschränkungen der Selektionsbedingungen.

Gefährdete Rassen in Deutschland

In Deutschland veröffentlicht die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) jährlich eine Rote Liste der gefährdeten Nutztierrassen im Bundesgebiet. Als gefährdet bis extrem gefährdet werden aktuell die folgenden Pferderassen gelistet: Rottaler Pferd, Alt-Württemberger Pferd, Leutstettener Pferd, Dülmener, Senner, Arenberg-Nordkirchner Pony, Lehmkuhlener Pony, Ostfriesen, Altoldenburger, Schleswiger Kaltblut, Schwarzwälder Kaltblut, Rheinisch Deutsches Kaltblut, Sächsisch-Thüringisches Schweres Warmblut. Über ihre Bedeutung als Kulturgut hinaus bieten bedrohte Pferderassen heute für die Gestaltung lebens- werter Zukunft und Mobilität in unterschiedlichen Bereichen nachhaltige Lösungen, die mehr Beachtung im Kampf gegen Klimawandel und Umweltbelastungen verdienen. Im Gegensatz zu technischen Lösungen ist der Einsatz von Arbeitstieren verbunden mit nicht zu übertreffender Schonung der begrenzt vorhandenen Ressourcen. Ihre Verwendung kann gleichzeitig eine der effektivsten Möglichkeiten darstellen, diese Pferderassen zu erhalten.

Die Scholle prägt das Pferd

Von Bedeutung ist, die Angepasstheit von Equiden an ihre ursprünglichen Lebensräume, ihre natürlichen Lebensbedingungen, aber auch an ihre früheren Einsatzbereiche nicht zu unterschätzen. In der globalisierten Welt von heute finden sich Pferde in Regionen wieder, die sie durch natürliche Wanderung nicht in kurzer Zeit erreicht hätten. Die Folgen von Lebensbedingungen ohne Anpassung können physische und psychische Überlastung oder Unterforderung, aber auch gesundheitliche Probleme wie Ekzeme, Allergien und Erkrankungen des Stoffwechsels sein.

Besonders betroffen sind Vertreter der bedrohten Pferderassen wegen ihrer aus- geprägten Anpassung an oft extreme natürliche Lebensbedingungen, denn diese gehen zunehmend verloren – Erhalt der Natur muss aber für das Fortbestehen tierischer und menschlicher Existenz in den Fokus rücken. Der Verlust artenreicher Wiesen und Weiden in unseren Regionen wirkt sich dramatisch auf die artgemäße Haltung und Fütterung von Pferden aus.

Vor allem betroffen sind Ponys, Esel und Pferde gefährdeter Rassen, die durch Herkunft und jahrhundertelange Prägung auf karges, aber kräuterreiches Futter für ihre Gesunderhaltung angewiesen sind.

Aufgabe der Politik ist es, Fehlentwicklungen der Vergangenheit aufzuarbeiten und die Vergabe von Agrarsubventionen künftig an natur- und tierschutzfachliche Vorgaben zu knüpfen.

Abstrakte Forderungen?

Forderungen nach dem Erhalt der genetischen Vielfalt bedrohter Pferderassen klingen abstrakt und verfehlen deshalb häufig ihr Ziel. Züchter müssen sich meist mit geringen Erfolgen zufrieden geben und sind mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Bei den meisten dieser Rassen bedeuten Bemühungen um ihren Er- halt einen ausweglosen Kampf gegen die Zeit, bei dem private Engagierte von Politik und Gesellschaft alleine gelassen werden.

Viele Haupt- und Landgestüte frönen hochsubventioniert der Zucht des modernen Hochleistungspferdes und fühlen sich dem Erhalt vom Aussterben bedrohter Pferderassen wenig verpflichtet.

Ein besonders tragisches Beispiel finden wir im einst weit verbreiteten Bosnischen Gebirgspferd, dessen Bestand nicht nur bis auf wenige Zuchttiere zusammengebrochen ist, sondern dessen natürliche Lebensräume durch die rücksichtslose Ausbreitung des Menschen bedroht sind. Das Bosnische Gebirgspferd gilt als autochthone und älteste Pferderasse Europas mit unter- schiedlichen Bluteinflüssen von eingeführten Pferden durch Einfälle der Hunnen, Awaren, Magyaren und Osmanen.

Vom gleichen Schicksal betroffen ist der charmante Balkanesel. Wenige Exemplare haben im Naturpark Zasavica Zuflucht und neue Aufgaben gefunden.

Verfälschung der Zuchtziele

 Für den Erhalt bedrohter Rassen ist neben dem Schutz ihrer natürlichen Lebensräume auch ihr Einsatz, etwa in der nachhaltigen Land- und Forstwirtschaft, im sanften Tourismus, für die Versorgung von Schutzhütten oder für kommunale Aufgaben, erforderlich. Bei der Erschließung neuer Einsatzbereiche ist strengstens zu beachten, dass die neuen Anforderungen den ursprünglichen Eigenschaften der Pferde entsprechen und nicht unter Missachtung dieser eine züchterische Anpassung der Pferde an Wunschvorstellungen und Modetrends erfolgt!

Das Argument, durch neue Zuchtziele gefährdeten Pferderassen eine Zukunft zu ermöglichen, führt langfristig in die Irre. Vielmehr ist damit unweigerlich eine Verfälschung von über Jahrhunderten erfolgter Anpassung an natürliche Lebensbedingungen und ursprüngliche Arbeitsanforderungen verbunden.

Häufig erfolgt diese Verfälschung in Form sogenannter züchterischer Veredelung, um eine erwünschte Sporteignung zu verbessern oder durch Vergrößerung der reiterlichen Nachfrage zu entsprechen. Folgen dieser züchterischen Einflussnahme sind oft ein Verlust der Robustheit, Eigenart und Umgänglichkeit sowie die Zunahme gesundheitlicher Probleme. Besonders problematisch ist die Kreuzung von konsolidierten Rassen, denn spätestens in der zweiten Generation werden die Erwartungen von der erhofften Addierung positiver Eigenschaften nicht nur schwer enttäuscht, sondern Abkömmlinge solcher Versuche gehen für den Zuchterhalt gefährdeter und vom Aussterben bedrohter Rassen für immer verloren.

Konkrete Maßnahmen

Jeder Einzelne kann etwas für den Erhalt gefährdeter Pferderassen tun: Wir können Interesse an der Vielfalt der Pferdewelt entwickeln und uns die Folgen ihres Verlustes vergegenwärtigen. Beim Pferdekauf können wir Vertretern solcher Rassen den Vorzug geben, sie selbst züchten und Einsatzbereiche für sie entwickeln und aktiv nutzen.

Als Vereinigung können wir Interesse an der Vielfalt der Pferdewelt wecken sowie auf ihre Gefährdung und die Folgen ihres Verlustes hinweisen. Im Idealfall könnten Fördermaßnahmen für Züchter oder Besitzer von Pferden einer gefährdeten Rasse angeboten werden. Sinnvolle und passende Einsatzbereiche für Pferde alter Rassen können entwickelt werden, etwa in Land- und Forstwirtschaft, naturfreundlichem Tourismus, Reit- und Fahrunterricht, Säumen oder Therapie.

Vor allem aber die Politik kann ihren gesellschaftlichen Auftrag für den Erhalt bedrohter Pferderassen wahrnehmen: Eine Förderung der Zucht, Haltung und des Einsatzes bedrohter Pferde- und Nutztierrassen ist nötig. Ihre Zucht in den Haupt- und Landgestüten, beispielsweise Leutstettener, Rottaler, Zweibrücker, sollte begonnen beziehungsweise sichergestellt sein.

Maßnahmen zum Erhalt der genetischen Vielfalt sind nötig, soll das Pferd als Art nicht immer weiter vereinheitlicht werden, genetisch verarmen und seine Anpassungsfähigkeit an verschiedenste Umweltbedingungen verlieren.

AFO 5781

 Fotos: BOSNISCHE GEBIRGSPFERD - Bosniake

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