Seit Jahren setzen sich Umwelt- und Tierschützer gegen die Massentierhaltung und den damit einhergehenden kritischen Antibiotikaeinsatz ein. 
Was der Antibiotikaeinsatz und die Umsetzung des Tierarzneimittelgesetzes mit Pferden zu tun hat? Wir veröffentlichen sachliche Informationen, damit sich Freizeitreiter und - fahrer selbst ein Bild machen können. 

Die EU will die Regeln für Antibiotika in der Tierhaltung verschärfen
Im September will das Europäische Parlament final über eine neue Tierarzneimittelgesetzgebung entscheiden und damit auch festlegen, welche Antibiotika nur für Menschen oder auch für Tiere zugelassen sind. Der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments will in der Tierhaltung den Einsatz der für den Menschen lebensrettenden Reserveantibiotika auf ein Minimum beschränken. Reserveantibiotika sollen künftig den Menschen vorbehalten bleiben. Auch der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung soll in der Zukunft nur noch in absoluten Ausnahmefällen möglich sein, Eine Behandlung von Pferden mit Antibiotika soll nach wie vor möglich sein. 
Dazu liegt aktuell ein Änderungsantrag vor, über den vor allem in dem sozialen Medien widersprüchlich diskutiert wird. Würde dieser Antrag tatsächlich erfolgreich dazu führen, dass nur die Gruppenbehandlung lebensmittelliefernder Tiere von einem neuen Gesetz betroffen wären? Könnten dann Haustiere weiterhin mit dem Reserveantibiotika behandelt werden?

Im Folgenden werden Fakten aufgeführt, die helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden.

 

Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung: Verbände fordern Klarstellung von der EU-Kommission 
Bei den Reserve-Antibiotika handelt es sich um 5 Wirkstoffklassen, die laut Weltgesundheitsorganisationen (WHO) für Menschen vorbehalten und nicht bei "food animals" eingesetzt werden sollen, die aber bisher in der EU auch für sogenannte Lebensmittel-Tiere zugelassen sind. Bei der Gesetzgebung ist die EU-Kommission allerdings bislang nicht genau genug. Sie hat in der Verordnung nur den Begriff "animals" geschrieben, also Tiere. Für ein präzises Verbot müssen die Begriffe genauer bestimmt werden, wie "food animals" oder "livestock", also Tiere, die der Lebensmittelgewinnung dienen. Eine Einzeltierbehandlung (Haustieren) soll weiterhin möglich sein. Kontrovers diskutiert wird aktuell, ob der Änderungsantrag dazu führt, dass nur Lebensmittel liefernde Tiere von den Änderungen im Rechtsakt und der zugrundeliegenden Verordnung betroffen wären (und das auch nur bezüglich der Gruppenbehandlung).

Am 17.8.21 ist daher ein offener Brief von verschiedenen Organisationen, u. a. von Ärzte gegen Massentierhaltung an die Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittel der EU gegangen, der nachdrücklich darum bittet, zur Klarstellung und Versachlichung der Diskussion beizutragen. Inzwischen wurden Vertreter der Verbände zur Diskussion mit der EU-Kommission eingeladen. Die Mitglieder des VFD Bundesarbeitskreis Umwelt unterstützt die Forderung, die Unterscheidung per korrigierter Verordnung kurzfristig umzusetzen. 

 

Antibiotika-Resistenzen haben auch bei Pferden schon lange ein alarmierendes Niveau erreicht: Einer Studie aus dem Jahre 2019 zufolge sind Antibiotika-Resistenzen in der Pferdemedizin ein immer größeres Problem: Bis zu 89 % der analysierten Bakterienkulturen waren gegen mindestens eine Klasse von antimikrobiellen  Wirkstoffen resistent – mehr als ein Drittel zeigte sogar Multi-Resistenzen. Selbst neue Antibiotika-Klassen waren davon nicht ausgenommen. 

 

Industrielle Tierhaltung braucht Antibiotika – und erhöht das Risiko resistenter Bakterien: Jährlich verkaufen Pharmafirmen 742 Tonnen Antibiotika an Tierärzt*innen (Stand September 2017, BVL). Unklar ist, wie diese Antibiotika-Mengen konkret verbraucht werden. Es ist eine sehr umfangreiche Statistik, die vom Hamster bis zum Mastschwein reichen kann. Für nicht-Lebensmittel liefernde Tiere wie Reitpferde oder Hunde und Katzen werden ca. ein Prozent davon eingesetzt (BVL 2012). Zwar geht der Verbrauch kontinuierlich zurück, allerdings werden mehr Reserveantibiotika im Vergleich zu 2011 an Tierärzt*innen abgegeben. Diese Notfallmedikamente sollten eigentlich für Menschen reserviert sein.

Darum sollte der Antibiotikaeinsatz reduziert werden: Seit 1928, als der Schotte Alexander Fleming die antibiotischen Eigenschaften von Penicillin entdeckte, sind Antibiotika ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Therapie im Kampf gegen Infektionskrankheiten.
Antibiotika helfen dabei, ein Gleichgewicht zwischen Mikroorganismen aufrecht zu erhalten – sie werden in der Natur von Pilzen und Bakterien produziert, um Konkurrenzorganismen am Wachstum zu hindern und in Schach zu halten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden viele solcher natürlicher Substanzen entdeckt und andere künstlich synthetisiert. Heute stehen uns dadurch viele verschiedene Wirkstoffe zur Verfügung, die sich unter anderem in ihrem Wirkspektrum (welche Arten von Bakterien bekämpft werden können), ihrer Bioverfügbarkeit (wie viel der verabreichten Menge im betroffenen Gewebe ankommt) und ihrer Resistenzlage (wie viele der eigentlich sensiblen Keime bereits resistent geworden sind) unterscheiden. Gerade dieses letzte Kriterium stellt uns heute vor Probleme. Denn nicht nur die Antibiotika haben sich weiterentwickelt – auch die Bakterien können sich an geänderte Umweltbedingungen anpassen. Einfach gesagt, können sich Bakterien an antibiotische Substanzen „gewöhnen“, besonders dann, wenn sie zu oft mit den gleichen Wirkstoffen in Kontakt kommen – sie werden resistent, das Antibiotikum verliert seine Wirksamkeit.
Damit weiterhin genügend wirksame Antibiotika gegen Infektionskrankheiten zur Verfügung stehen, ist es unerlässlich, diesen Gewöhnungseffekt zu vermeiden: Indem der Antibiotikaeinsatz auf ein notwendiges Minimum reduziert wird.

Das Zauberwort heißt “Prävention”: Viele Tierkrankheiten sind die Folge „zivilisierter“ Massenhaltung, einseitiger Ernährung und mangelnder Beachtung biologischer Zusammenhänge in der Tierhaltung. Der steigende Einsatz von Antibiotika und anderen chemischen Substanzen in der Tierhaltung und den daraus entstandenen Problematiken führte schon vor Jahrzehnten zum Umdenken, besonders bei den naturverbundenen Freizeitreitern. Dieser Hintergrund, verbunden mit den Erkenntnissen moderner Wissenschaft, ist die Basis für fortschrittliche Alternativen. Durch artgemäße Pflege, Haltung und Nutzung wird die Notwendigkeit von Medikamenten wie Antibiotika verringert.

 

Die VFD setzt sich für eine pferdegerechte, gesunde Haltung und Nutzung ein.

 

Quellen:
Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung: Verbände fordern Klarstellung von der EU-Kommission
Resistente Bakterien in Pferdeställen werden durch Boxenhaltung begünstigt
Antibiotika-Resistenzen haben auch bei Pferden schon lange ein alarmierendes Niveau erreicht
Infos Antibiotika-Resistenz 
Industrielle Tierhaltung braucht Antibiotika – und erhöht das Risiko resistenter Bakterien
Antibiotikaeinsatz reduzieren

Werbung

RoFlex

Anzeige Westerwald zu Pferd

VFD Juniorheft

VFD Bücher