perspektiveIn dem Vortrag ging die Referentin auf die Themen ihrer Bücher ein und bettete diese in den Zeithorizont der vor 6.000 Jahren begonnenen und bewährten Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd ein.

Ein Beitrag unseres Europa-Partners Die Ländlichen Österreich. (Mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Mrstik)

 Die meiste Zeit wurde das Pferd als Nutztier in militärischer und ziviler Nutzung im Transportwesen, der Reiterei und der Landwirtschaft eingesetzt. Erst in jüngster Zeit gab es den Übergang zum Freizeitpartner in breitem Umfang. Obwohl hierdurch ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor gegeben ist - in Zucht, Pferdehaltung, Ausbildung, Material und Ausstattung und nicht zuletzt Veranstaltungsausrichtung, muss dem modernen Menschen der Umgang mit dem Pferd nahegebracht werden. Die wenigsten wachsen mit Pferden auf dem elterlichen Hof auf. Deshalb sollten Betrachtungen zum fairen und freundschaftlichen Umgang mit dem Pferd großen Raum einnehmen.

Genauso, wie sich der Wechsel vom Arbeits- zum Freizeitpartner in relativ kurzer Zeit vollzog, stellt sich heutzutage wiederum die Frage nach einem erneuten Wechsel in der Beziehung: das Pferd als Arbeitspartner in die Landwirtschaft? Das freilich wäre ein beachtlicher Perspektivwechsel in der vorherrschenden Meinung. Denn diese äußert sich nach Aussage der Referentin in spontanen Abwehr-Reaktionen wie „ist ja altmodisch“, „zurück in die Steinzeit“, „ist doch anstrengend“, „das rechnet sich nicht“ , „so kann man nicht mit den Weltmärkten mithalten“ oder „so kann man doch keine Volkswirtschaft ernähren“ etc…

Doch ist diese Abwehrhaltung gerechtfertigt? Therese Grosswiele stellte stattdessen - vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um Ressourcen- und Klimaschutz sowie Energiewandel - die Frage, ob es eine „energieeffiziente, ressourcen- und bodenschonende konviviale Technologie“ benötige, um den Anforderungen gerecht zu werden? - Diesem Ansatz würde sofort zugestimmt. Ja, genau das sei notwendig.

Na, dann also doch Arbeitspferde in die Landwirtschaft! Denn durch den Einsatz von Arbeitspferden und die Nutzung ihrer Zugkraft würden die Anforderungen einer nachhaltigen Landwirtschaft, Energie- und Klimapolitik sowie Ressourcenschonung genau erfüllt, führte Therese Grosswiele aus und listete in einer Folie auf:

  • Nutzung erneuerbarer lokaler (Bio-)Energie, Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen
  • höhere Energieeffizienz als motorisierte Zugmaschinen
  • Über-Erfüllung von CO2-Zielen: Klimaneutralität
  • Vermeidung von Bodenschadverdichtungen und damit deren Folgen:
  • Staunässe, Schädigung des Porenvolumens, Zerstörung der Mikroorganismen im Boden, Wachstumshemmung und damit Ertragsrückgang
  • Unterstützung organischer Bodenbehandlung
  • Erhalt bzw. Wiederherstellung von Bodenfruchtbarkeit
  • natürliche Reproduktion in Eigenhaltung (statt fremdfinanzierter Ersatz-Investitionen)
  • geringerer Kapitalbedarf und damit
  • Erhöhung der Autonomie bzw. Wiederherstellung der Bestimmungs-Hoheit des Bauernstands
  • Einbindung in natürliche Bewirtschaftungskreisläufe und
  • regionale Wertschöpfungsketten,
  • Impulse für Handwerksbetriebe und kleine und mittlere Unternehmen der Metallverarbeitung etc.

pflugWenn all dem so ist, und wenn Arbeitspferde ein Baustein zur Nachhaltigkeit sind, warum erzeugt der Appell "Arbeitspferde in die Landwirtschaft" dann soviel Widerstand? Auf diese Frage wurde Olivier de Schutter zitiert, seit 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung: „Zu den größten Hindernissen für den Übergang zu einer nachhaltigen Landwirtschaft zählt das mächtige wirtschaftliche Interesse an der Aufrechterhaltung des derzeitigen Systems. Den Unternehmen der … Industrie ist nicht daran gelegen, dass die Landwirte lernen, wie sie ohne ihre Produkte auskommen.“ Und zu den industriell vermarktbaren Produkten zählen nicht nur alle agrochemischen Produkte, Herbizide, Pestizide, Dünger, sondern auch Saatgut, Traktoren und Landmaschinen.

Mit Arbeitspferden jedoch ist die Unterstützung eines agrarökologischen Modells möglich. Dies ist das Gegenteil der industriellen Landwirtschaft, weil es sich bei ihm nicht um eine input-basierte, sondern um eine prozess-basierte Landwirtschaft handelt. Bereits im Jahr 2000 wurde von Wendell Berry, einem amerikanischen Essayisten und selbst mit Pferden arbeitendem Farmer „Leben mit Bodenhaftung“ veröffentlicht. In diesem führt er aus: „Der industriell wirtschaftende Farmer verbraucht mehr, als er erzeugt, und ist ein Zwangsabnehmer der Agrarkonzerne." Und als Gegenmodell wird ausgeführt: "Es zahlt sich aus, wenn man sich dafür entscheiden kann, einen Traktor gegen ein Pferdegespann auszuwechseln oder Kunstdünger gegen Mist oder Herbizide gegen einen Kultivator. - Wenn (der Farmer) seinen Grund und Boden mit Pflug und Egge vorbereitet und mit dem Kultivator durch die Reihen geht, statt Chemikalien zu kaufen, ist er ein Erzeuger, kein Verbraucher; er verkauft seine Arbeitskraft, er kauft nicht einen kostspieligen Ersatz dafür. Und wenn er das mit dem Pferdegespann macht, statt Treibstoff zu kaufen, verkauft er zudem die Arbeitskraft seines Gespanns, er bezahlt keinen kostspieligen Ersatz. Wenn er seinen Mais, seinen Hafer und sein Heu als Treibstoff nimmt, verkauft er dieses Futter mit einem viel höheren Gewinn, als er ihn auf dem Markt erzielen könnte.“

Statt Input also Prozess - mit eigener Arbeitskraft und der Zugkraft der Pferde. Die Referentin zitierte aktuelle Zahlen von einem deutschen Groß-Bauernhof mit 400 ha in Mecklenburg, der zusätzlich zu den am Hof vorhandenen Traktoren 4 Pferde in 2 Gespannen einsetzt, und dadurch den jährlichen Dieselverbrauch von 30.000 Litern auf 18.000 Liter senken konnte. Die Pferde werden für Transportarbeiten (z.B. Grünfutter holen), Heu- und Silageernte (100 Rundballen wickeln) und Wenden und Schwaden eingesetzt. In ihrem Buch "Langsamer. Kleiner. Gut." werden 4 weitere Pferdebauern in Deutschland und der Schweiz porträtiert, die zeigen, dass die Nutzung von Pferdezugkraft auch heute möglich ist und zu einem Betriebsmodell führt, in dem mehr Autonomie, Flexibilität und Wendigkeit möglich ist.

Genau ein solches Modell spiegelt denn auch den Zeitgeist wider. Die aus Deutschland stammende Referentin berichtete von immer stärker werdenden öffentlichen Demonstrationen der Verbraucher, zum Beispiel "Wir haben es satt" - einer regelmäßigen Großveranstaltung gegen industrialisierte Landwirtschaft in Berlin, oder den weltweit am selben Tag stattfindenden Demonstrationen gegen den amerikanischen Genmais- und GMO-Saatgut-Hersteller Monsanto.

bodenbearbeitungAber nicht nur die Verbraucher, auch die Politik formuliert Strategien, die den nächsten Wandel in der Landwirtschaft einläuten. So wurde durch die Vereinten Nationen das Jahr 2014 weltweit zum Jahr des "Family Farming" erklärt, also zum Jahr landwirtschaftlicher Familienbetriebe. Diese beruhen laut Definition überwiegend auf Familienarbeit - von Männern und Frauen gleichermaßen. Den Vereinten Nationen geht es dabei um deren „Re-Positionierung im Zentrum von Landwirtschafts-, Umwelt- und sozialpolitischen Agendas“. Und warum? Weil familiengeführte und kleine Landwirtschaftsbetriebe untrennbar mit Weltnahrungssicherheit verbunden sind. Sie bewahren traditionelle Nahrungsmittel, tragen zu einer ausgewogenen Ernährung bei, schützen die Agro-Biodiversität in der Welt und eine nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Und sie tragen zur Ankurbelung lokalen Wirtschaftens bei.

saatwagenWas hat das nun alles mit Pferden zu tun? Pferdegestützte Landwirtschaft ist eine Betriebsform, die all diese Aspekte unterstützt und ermöglicht. Auch die EU hat sich auf einer Konferenz Ende November 2013 in Brüssel zum Jahr landwirtschaftlicher Familienbetriebe bekannt. Frau Grosswiele führte aus, dass dies Hand in Hand gehe mit den Zielsetzungen der EU-Agrarreform. Auch diese können durch pferdegestützte Landwirtschaft sehr gut umgesetzt werden. Beispielsweise seien die Ökologisierungsauflagen der Direktzahlungen gut mit Pferdearbeit vereinbar: das Arbeiten in nicht-flurbereinigtem Ackerland mit „naturbetonten Strukturelementen der Feldflur" wie z.B. Hecken und Feldgehölzen, Feldrainen und Ackerterrassen oder der Erhalt von Dauergrünlandflächen (Wiesen und Weiden).

Therese Grosswiele betonte die Vorteile des Zugpferdeeinsatzes gegenüber schweren Landmaschinen insbesondere in Bezug auf schonende Bodenbearbeitung. Im deutschen Bundes-Bodenschutz-Gesetz (BBodSchG) beispielsweise wird in Teil IV zur Landwirtschaftlichen Bodennutzung ausdrücklich gefordert, „Bodenverdichtungen, insbesondere durch Berücksichtigung des von den Geräten verursachten Bodendrucks, zu vermeiden.“ Sie führte an, dass es bereits etliche Untersuchungen und Diplomarbeiten zu diesem Thema gäbe. Letztendlich spräche hier die Empirie für sich: in Jahrhunderten haben sich durch Pferdezugkraft auf dem Acker keine Bodenschadverdichtungen ergeben: durch schwere motorisierte Landmaschinen jedoch innerhalb von ein paar Jahrzehnten beispiellos viele, in Europa mehrere Millionen Hektar, die durch Staunässe auf den Feldern auch für Laien sichtbar werden. Die Rübenernter, die in ihrer bayerischen Heimat zum Einsatz kommen, erreichen mit voller Bunkerladung ein Gesamtgewicht von mehr als 50 Tonnen - ein Vollangriff auf das Porenvolumen im Boden.

Alle Initiativen, ob auf UN-, EU- oder nationaler Ebene wie im deutschen BBodSchG, zielen letzten Endes auf folgendes überlebensnotwendige Ziel ab: die „nachhaltige Sicherung der Bodenfruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit des Bodens als natürlich Ressource.“ Und hierzu kann eine pferdegestützte Landwirtschaft sehr viel beitragen.

HeuwagenAll diese Zusammenhänge sind einer noch kleinen Gruppe von Pferdeliebhabern, Pferdebauern und Gespannfahrern bewusst. Sie formieren sich in der ÖIPK - der Österreichischen Interessensgemeinschaft Pferdekraft oder der IGZ - der Interessengemeinschaft Zugpferde e.V. in Deutschland. Wenn man die Zeichen der Zeit zu deuten wisse, so die Referentin, dann könne man erkennen, dass es sich um gute Rahmenbedingungen für die Intensivierung der Pferdekraft-Nutzung handele. Jeder, der kreativ und innovativ an dem Thema teilhaben wolle, könne sich einbringen und am stufenweisen Ausbau mitwirken. Jedes Gestüt, jeder Reitstall oder Pferdehof mit eigenem Grünland könne beginnen, Kurztransporte mit Zugpferden zu erledigen, die Futterwerbung mit Arbeitspferden zu absolvieren usw.

In dem Buch "Die Ländlichen - Österreich", das die Referentin als Geschenk erhielt, wird der deutsche Hippologe Dr. Gustav Rau aus den 1920er Jahren mit seiner Forderung zitiert, "den deutschen Bauern aufs deutsche Pferd!" zu setzen. Heute könnte man sagen: " Pferde-Züchter auf den Wagen!" - und ob es der landwirtschaftlich genutzte Vorderwagen oder die Kutsche ist - das hängt dann nur noch vom Wochentag ab...

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