Ein Expertentipp diesmal in anderer Form!

Tatjana Pitroff, VFD-Wanderrittführerin in Bayern, im Interview mit Christine Garbers, VFD-Wanderrittführerin in Niedersachsen und Leiterin des Arbeitskreises Wanderreiten

Christine: Tatjana, Du bist VFD-Wanderrittführerin und innerhalb der Wanderreiterszene bekannt als begeisterte Langstreckenreiterin. Was war Dein bisher längster Wanderritt?

Tatjana: Mein längster Ritt war 2007 mit 1100 km. Dieser Ritt führte von Steinhöring (Ebersberg) über den Passauer Raum durch Tschechien (Karlsbad) nach Dresden zu den Karl May Festspielen und von dort weiter zum Frankensternritt nach Wassertrüdingen. Diese Strecke habe ich innerhalb von 4 Wochen mit lediglich 2 Pausentagen überwunden - mit meiner Haflinger-Stute und meiner Vollblut-Stute als Handpferd.
 
Christine: Du hast bereits viele Jahre Erfahrung mit Wanderreitpferden der verschiedensten Rassen gesammelt. Gibt es bestimmte Rassen, die ganz besonders als Wanderreitpferde geeignet sind?
 
Tatjana: Für eine Woche Wanderritt kann man alle Pferde verschiedenster Rassen nehmen. Für Extremritte würde ich allerdings Pferde mit einem Stockmass von ca. 1,45 m vorziehen. Sie sind stämmiger und tragen dadurch auch zusätzliches Gewicht leichter. Auch dem Reiter ermöglicht es bei bepacktem Pferd das Aufsteigen leichter. Rassenbezogen bin ich nicht. Vollblüter sind oft gelassener als mancher Haflinger. Aber leider sind Vollblüter oft sehr empfindlich in der Sattellage und stecken den häufigen Futterwechsel während des Rittes nicht so gut weg. Aber bestimmt gibt es hier auch Ausnahmen. 
 
Christine: Welche grundsätzlichen Charakter-Eigenschaften sollte ein Pferd haben, damit es ein gutes Wanderreitpferd werden kann?
 
Tatjana: Ein Wanderreitpferd sollte auf jeden Fall gutmütig sein und sollte sich auch in schwierigen Situationen handhaben lassen. Es sollte nicht vor allem Angst haben, wobei man dies einem Pferd mit viel Ruhe und Geduld lehren kann.
 
Christine: Selbst der beste Charakter kann die Ausbildung des Pferdes nicht ersetzen. Welchen Ausbildungsweg würdest Du einem Wanderreit-Neuling für sein künftiges Wanderreit-Pferd empfehlen?
 
Tatjana: Als allererstes muss das Vertrauen zwischen Mensch und Tier geschaffen sein. Dann würde ich mit einfacher Longe-Arbeit und Bodenarbeit beginnen. Ich würde ein Pferd zu nichts zwingen, sondern die Übungen machen, die das Pferd zulässt. Auf keinen Fall an einer Übung zu lange arbeiten. Eher nur einmal und dann das Pferd anschließend loben und mit der nächsten Übung beginnen. Auch im Gelände immer mal wieder loben wenn es etwas gutgemacht hat bzw. wenn man z.B. an einem schrecklichen Traktor vorbei musste etc.
 
Christine: Ein häufiges Problem vieler Pferde ist es, dass sie – gerade auch in fremder Umgebung – nur sehr unruhig angebunden stehen. Wie bringst Du solchen Pferden das ruhige und gelassene „Parken“ bei?
 
Tatjana: Ich übe das Anbinden bereits bei mir im Stall. Dort habe ich einen Baum an dem der Strick von oben angebunden ist. Dies bezweckt, dass wenn sich das Pferd losreißen will es nicht die Kraft aufbringen kann den Strick und das Halfter abzureißen. Eher wird es umfallen und das überlegt sich das eine oder andere Pferd dann doch. Ich lasse hier das Pferd auch mal bis zu 2 Stunden einfach angebunden stehen und kann es somit ein wenig beobachten. Auch wenn sich das Pferd dreht und wendet und versucht den Boden umzugraben beachte ich es nicht. Am Anfang kann man es natürlich schon zurechtweisen. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass ein Nichtbeachten mehr bringt als ständig hinzurennen und es zu beruhigen. Und später werde ich verschiedene Gaststätten oder Bekannte anreiten wo ich das Pferd dann in fremder Umgebung genauso anhänge wie ich bereits erwähnt habe.
 
Christine: Gerade junge Pferde sind im Gelände und Verkehr oft noch unsicher oder ängstlich. Wie kann man diese Pferde sicherer machen?
 
Tatjana: Ich nehme ein junges Pferd oft als Handpferd neben erfahrenen Pferden mit. Gerne wechsle ich auch während dem Ausritt die Pferde, so dass ich das junge Pferd reite und das ältere an der Hand mitnehme. Dies ist aber sehr gefährlich und ich würde es nur sehr guten Reitern empfehlen. Wenn eine Gefahr kommt wird das erfahrene Pferd dem Neuling schnell lernen dass es keine Angst zu haben braucht. Wenn sich Schwierigkeiten zeigen lerne ich dem Neuling zu Hause z.B. an einem laufenden Traktor oder an flatternden Planen vorbei zu gehen . Ich berühre dabei auch gerne das Pferd an allen Stellen mit der Plane. Kühe können auch ganz spezielle Gespenster sein, die Angst muss man dem Pferd auf alle Fälle austreiben da dies sonst zum Verhängnis wird. Da heißt es einfach üben!
 
Christine: Wie sollten Deiner Meinung nach Pferde darauf vorbereitet werden, dass sie auf einem Wanderritt jede Nacht unter verschiedensten Bedingungen in immer wechselnder Umgebung sicher übernachten können?
 
Tatjana: Zum Anlernen stelle ich einfach ein Paddock auf der Koppel auf und lasse das Pferd übernacht drin stehen. Es empfiehlt sich einen Kumpel daneben in einen separaten Paddock zu stellen. Somit kann man dem Pferd beibringen, dass es auf engem Raum unter freiem Himmel bleiben soll. Als Sicherheit hat man dann immer noch für den Anfang die eingezäunte Koppel. Wenn das Pferd sich dran gewöhnt hat werde ich dann Wochenendtouren machen, wobei das Pferd dann eine Nacht in fremder Umgebung sein muss: Es wird sich schnell dran gewöhnen!
 
Christine: Wanderreitpferde sollten eine gute Kondition haben, um einen Wanderritt unbeschadet überstehen zu können. Nach welchem Konzept trainierst Du Deine Pferde?
 
Tatjana: Da ich berufstätig bin, habe ich keine so große zeitliche Möglichkeit, die Pferde speziell zu trainieren. Da meine Pferde Offenstallpferde sind machen sie das selbständig. Zusätzlich arbeite ich viel im Gelände und gehe dort auch mal Schlangenlinien oder lasse die Pferde rückwärts treten. Ich wechsle sehr oft vom Schritt zum Trab und umgekehrt. Gerne gehe ich auch ab und zu mal auf den Reitplatz und biege meine Pferde. Ansonsten trainiert sich ein Pferd während eines Wanderrittes selbst auf. Ich merke dies immer so nach dem 3. oder 4. Tag wenn mein Pferd immer fitter wird.
 
Christine: Wie gewöhnst Du Pferde an das zusätzliche Gepäck, das sie während eines Wanderrittes zu tragen haben?
 
Tatjana: Die Pferde gewöhne ich an das Gepäck, indem ich zuerst vielleicht nur mal eine Jacke hinten drauf binde. Gerne habe ich auch eine Tüte dabei die ich während dem Reiten einfach mal rascheln lasse und dem Pferd über die Kruppe raschelnd drüber streiche. Später werde ich die Satteltaschen erst leer und dann jeden Tag mit etwas mehr Gewicht draufschnallen. Dies beginne ich ca. 8 Wochen vor dem Wanderritt. Somit hat das Pferd die Zeit sich zu gewöhnen und die fehlenden Muskelpartien aufzubauen.
 
Christine: Tatjana, herzlichen Dank für dieses informative Interview! Ich wünsche Dir noch viele lange und erfolgreiche Ritte!

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