Weide IMG 3395 Silke DeheVelma Johnston arbeitete als Sekretärin im U.S.-Bundesstaat Nevada. Als sie irgendwann in 1950 von der Arbeit nach Hause fuhr, fiel ihr ein vor ihr fahrender LKW auf, der mit Pferden beladen war und aus dem Blut floss. Sie folgte dem LKW und stellte fest, dass sich darin wilde, z.T. schwer verletzte Mustangs befanden, die an eine Fabrik für Hunde- und Katzenfutter geliefert wurden. Dieses Erlebnis veränderte ihr Leben. In den folgenden 21 Jahren kämpfte Wild Horse Annie, wie sie von Freund und Feind genannt wurde, für die Rechte der Mustangs. Heute stehen sie unter Schutz und dürfen schon lange nicht auf die brutale Weise gefangen werden, wie das in den 1950er Jahren üblich war.
Wild Horse Annie verdanken wir zwei wichtige Dinge.
Ersten bewies sie, wie man mit basisdemokratischen Mitteln sehr viel bewegen kann, denn ihr Kampf für die Mustangs gegen mächtige Rinderbarone erschien zunächst völlig aussichtslos. Es waren vor allem Millionen von amerikanischen Schulkindern – von ihr liebevoll als ihre „Bleistift-Brigaden“ bezeichnet – die das unmöglich Erscheinende möglich machten.
Zweitens wissen wir vor allem durch Untersuchungen an Mustangs, was Pferde wirklich brauchen. Und was nicht!
Pferde sind nämlich Meister des Mangels, Lebewesen also, die auf einer kargen Nahrungsgrundlage gut überleben, auch unter harschen, harten Bedingungen.
Was Pferde überhaupt nicht vertragen, ist Stall-Mief, mastiges, fettmachendes Futter, Langeweile und Bewegungsarmut.

Milch- und Fleischrinder dagegen brauchen heute völlig anderes Futter als Pferde. Als vor über 30 Jahren die ersten Milchkühe gezüchtet wurden, die über 30 Liter Milch pro Tag geben konnten, sind diese Tiere regelrecht verhungert. Man hatte noch gar kein geeignetes Futter für ihre enorme Leistung. Die Saatgut-Industrie begann aber sehr schnell, Hochleistungsgräser zu züchten, die viel mehr Zucker als Energieträger enthalten als althergebrachte Gräser. Die neuen Grassorten sind sehr konkurrenzstark. Da wo sie wachsen, verdrängen sie alte Grassorten und Kräuter. Allerdings brauchen sie große Mengen Stickstoff, möglichst schon natürlicherweise im Boden vorhanden, und zusätzlich durch Chemiedünger und Gülle. Auf mageren, nicht gedüngten Böden haben Hochleistungsgräser keine Chance.
Von Hochleistungsgräsern für Milch- und Fleischrinder werden Pferde auf die Dauer krank. Vor allem die immer beliebteren sog. Robustrassen wie Haflinger, Isländer, Norweger und Shetlandponys sind davon betroffen.
Mit dem Zucker in Gras ist es ähnlich wie mit dem Zucker in der Menschennahrung, er macht nicht richtig satt. Deshalb fressen Pferde und Ponys von dem Zuckergras und Zuckerheu erheblich mehr als von magerem Gras und Heu. Sie werden fett und bekommen Hufrehe, Equines metabolisches Syndrom (EMS) oder Cushing, eine immer häufigere Stoffwechsel-Krankheit, die früher nur alte Pferde befiel, heute aber schon bei recht jungen Tieren vorkommt.
Nur Pferde in der Zucht oder im harten Training vertragen über längere Zeit Hochzuckergräser, ohne krank zu werden. Sofern sie von hier stammen, so wie die verschiedenen Rassen, die unter „Deutsches Warmblut“ einzuordnen sind. Aber auch ein wenig genutzter Hannoveraner kann von Zuckergras und -heu krank werden.
Große Gaben von Stickstoff-Dünger haben auf Weiden und Heuwiesen noch eine weitere, für Pferde sehr schädliche Wirkung.
Sie „vertreiben“ nämlich nicht nur alte, zuckerarme Grassorten, sondern auch Kräuter. Pferde als Grasfresser haben in Millionen von Jahren gelernt, sich aus der Vielfalt von verschiedenen Pflanzen zu jeder Jahreszeit das heraus zu suchen, was sie gerade brauchen. So habe ich bei Wanderritten um Ostern herum schon oft beobachten können, dass unsere Tiere gezielt Huflattich-Blüten fressen, denen eine schleimlösende Wirkung nachgesagt wird.
Leider haben das noch nicht allzu viele Pferdebesitzer begriffen. Was wiederum die Tierärzte merken, denn ernährungsbedingte Wohlstandskrankheiten bei Pferden haben in den letzten 10 Jahren rasant zugenommen.
Im Grunde brauchen Pferde genau die Art von Grünland, die Naturschützer im Sinne der Artenvielfalt von Wiesenpflanzen und dort lebenden Insekten erhalten und fördern wollen.
Vor 10 Jahren gab es in Deutschland noch 5,5 Mio. Hektar Grünland, durch das Anlegen von mehr Äckern (zum Bsp. für den Mais- und Raps-Anbau) sind es inzwischen deutlich unter 5 Mio. Hektar. Über ein Fünftel von dieser Fläche wird für Pferde genutzt, denn es gibt inzwischen grob geschätzt um die 1,2 Mio. Pferde, Ponys und Esel in Deutschland. Jedes Tier braucht für sein jährliches Raufutter an Weide und Heuwiesen etwa 1 Hektar Fläche.
Vielen Naturschützern sind Pferde und vor allem Pferdehalter aber eher ein Dorn im Auge. Und dies nicht selten zu Recht.
Denn nicht wenige Pferdehalter lassen ihre Tiere aus Unkenntnis und Bequemlichkeit viel zu lange auf den Weiden, holen sie bei nasser Witterung nicht von der Wiese, die als Folge zu einer völlig zertrampelten Fläche wird.
Durch die Dummheit und Nachlässigkeit mancher Pferdehalter wird so die wichtigste Grundlage für eine gesunde Ernährung der Pferde, eine artenreiche Mager-Wiese zerstört.
Richtig und wichtig sind dagegen der sorgsame Umgang und die regelmäßige Pflege von Pferdweiden.

Das für Pferde gesunde Heu von sehr artenreichen Wiesen auf mageren, nicht gedüngten Böden muss zwangsläufig teurer sein als Heu aus Hochleistungsgras von Hochleistungsflächen.
Denn mit dem gleichen Aufwand an Zeit, Maschineneinsatz und Treibstoff erntet der Landwirt auf mageren Flächen höchsten halb so viel Heu wie sein Kollege auf der Hochleistungsfläche.
Leider fehlt es bei Pferdebesitzern oft an der Einsicht und an der Bereitschaft, für ein gutes Kräuterheu auch einen angemessenen Preis zu bezahlen. Obwohl es auf mittlere Sicht viel teurer wird, Zuckerheu zu verfüttern.
Denn die Tierarztkosten, die mittelfristig für die Behandlung von Wohlstandskrankheiten wie Hufrehe, EMS und Cushing entstehen, betragen ein X-faches der Mehrkosten für gutes Kräuterheu.

Es ist nicht besonders schwer, gutes Pferdeheu von Zuckerheu für Rinder zu unterscheiden. Das liegt an einem Stoff namens Cumarin, der sich in Ruchgräsern findet. Der typische, stark aromatische Heugeruch einer frisch gemähten Wiese auf mageren Standorten geht neben einigen anderen Kräutern vor allem darauf zurück.
Heu, welches sehr stark aromatisch nach „Heu“ duftet, ist von sehr artenreichen Wiesen mit Magergräsern.
Riecht Heu aber nur hygienisch einwandfrei – also nicht muffig – aber ansonsten eher wenig aromatisch nach „Heu“, stammt es mit hoher Wahrscheinlichkeit von Hochleistungsflächen, enthält viel Zucker und ist für Pferde mittelfristig schädlich.

Es liegt also sowohl im Interesse des Naturschutzes und dem Erhalt der Artenvielfalt auf unseren Wiesen als auch im Interesse der Gesundheit von Pferden und Ponys, möglichst vielen Pferdemenschen und Heubauern diese einfachen Zusammenhänge deutlich zu machen.
Und die zeigen einmal mehr, dass das Wohlergehen von Pflanzen, Tieren und Menschen auf vielfältige Weise voneinander abhängig sind.

H.M. Pilartz

Fotos: Silke Dehe

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