Ja, alte Pferde fressen langsamer.

Mein 35 Jahre alter Jassir sorgt schon mal dafür, dass seine beiden Stallkumpel in ihren separaten Offenstallabteilungen morgens und abends für 2,5 Stunden eingesperrt sind, obwohl sie natürlich schon lange mit dem Fressen fertig sind. Aber würde man sie laufen lassen, wäre Opi nur noch aufgeregt am Wiehern und würde das Fressen stehen lassen. Wenn man die Bande wieder freilässt, muss man den Opi schon am Ausgang platziert haben. Mit dem Zuruf "Achtung, Chef kommt!" lasse ich die anderen in sein Abteil, die sich begierig auf seine Reste stürzen. Opi geht dann sein Verdauungsschläfchen machen.

Nina 1Im Übrigen gönnt er sich beim langsamem Fressen auch kleine Pausen, bei denen er vielleicht auch mal eindöst. Wenn ich dann in den Stall komme, wecke ich ihn wieder auf. Mit einem Apfel lenke ich seine Aufmerksamkeit auf das am Boden verstreute Menü (wir haben Stallmatten statt Einstreu), denn er kippt meistens seinen Eimer aus dem Reifen um. So honoriert er meine Mühe, dass ich ihm 2x täglich einen bestimmt über 20kg schweren Futtereimer in sein Abteil schleppe - eingeweichte Heucobs, Luzernepellets, etwas Senior-Getreide, Kräuter, Öl, etc. Billigere Rübenschnitzel mag er nicht so gerne. Es ist auch schon vorgekommen, dass ich eigentlich ins Bett wollte, aber Opi leider noch immer am Abendmahlzeit mümmeln war. 3x täglich Futtereimer ist ihm zu viel, aber wenn man ihm zur Kaffeezeit bitte etwas Obst....danke!

Von diesem Matschfutter lebt er, denn anderes kann er nicht mehr Zerkleinern, da er nur noch ein paar Schneidezähne hat. Außerdem trinkt er, wie viele alte Pferde, immer etwas zu wenig, so dass man ihn mit Matschfutter und Obst austricksen muss. Möhren sind zu hart und schmal, aber Äpfel und Birnen gehen. Er ist zum Glück von der vernünftigen Sorte Pferd und schluckt nichts ab, was er nicht ausreichend zerkleinert hat. Das kann pro Apfel auch mal zwei Minuten dauern. Trotzdem ist der pferdische Knabberbedarf geblieben. Äste, Maiskolben, Gras, alles wird in die Mangel genommen. Offenstall und Weide sind mit seinen ausgespuckten Knäueln von irgendetwas bedeckt. Wird alles gelegentlich mit "abgeäppelt".

Sedieren kann man ihn nicht mehr, das war letztes Jahr schon verdammt knapp, als der letzte Backenzahn dran glauben musste. Chemiekeulen in Form von Entwurmung müssen wir ihm maximal 2x jährlich zumuten, denn wir haben unsere Pferde am Haus, halten alles sauber und fahren nicht zum Turnier o. ä.  Wer seine Hufe macht, muss sich tief bücken, aber er ist gut zu händeln und braucht keinen Zwang, ja, für vieles nicht einmal ein Halfter. So kann man ihm auch mal schnell eine Regendecke überziehen, wenn er beschließt, im Winter mit seinen Kumpeln auf die Weide zu gehen, obwohl es gerade aus Eimern gießt. Mit wärmenden Fettpolstern ist er nicht mehr sehr gesegnet. Hört der Regen auf oder geht er in den Stall, muss die Decke wieder runter - Jassir hasst Decken.

Die tägliche Kontrolle des Gesundheitszustands springt mich ab und zu in Form von Schürfwunden an, die er sich aufgrund seines nachlassenden Augenlichts gelegentlich zuzieht. Der Rekord liegt bei 10 Schrammen auf einmal. Zum Glück hat er das beste Heilfleisch von allen. Ein Mal desinfizieren genügt völlig.

Wie ein solcher Oldie im Pensionsstall untergebracht werden soll, ist mir ein Rätsel, denn auch bei ausschließlichem Besatz mit Oldies sind die Charaktere und die Fitness unterschiedlich und auch hohes Alter ist keine Gewähr dafür, dass ein Oldie den anderen in Ruhe fressen oder liegen lässt. Man muss als Halter einfach mehr tun, meiner Meinung nach sogar mehr als bei einem Reitpferd!

Ein oder zwei Mal habe ich schon gedacht, es ist soweit. Er war mehrere Tage träge bei wenig Appetit, wurde sogar kuschelig, obwohl er Streicheleinheiten eher als Service an Stellen ansieht, die er schwerer erreichen kann. Ich war dann bei ihm im Stall und habe ihm gesagt, dass er nicht für mich krampfhaft weiterleben muss. Der Esoteriker nennt das "energetisch lösen". Doch dann berappelte er sich wieder, wurde munter und lief wieder mit den anderen um die Wette zum Fressen in den Stall, wenn er meinen Ruf "Juuuuungs! Ääääääässen!" hörte.

Es kommt, wie es kommt, man weiß es eben nicht. Aber ehrlich, es ist ein A.... voll Arbeit!

Viele Grüße
Nina Taphorn

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