Da gibt es einen neuen Aufruf auf der Startseite der VFD. Berichtet über Eure Erlebnisse! Wenn man so nett aufgefordert wird, dann setzt man sich eben hin, malträtiert die Tastatur und schreibt. Es gibt da eine kleine Geschichte über einen Eingeborenen und einen Fischkopf, die sich aufmachten, den Westerwald zu erkunden. Eingeladen hatte der Westerwälder. Der Fischkopf war ohne die geringste Kenntnis von Landschaft, Pferden und regionalen Gepflogenheiten der Einladung gefolgt.

Es ist Sonntag Morgen, 9 Uhr. Der Westerwälder, nennen wir ihn Rüdiger, hat zum Frühstück gebeten. Ich, der Fischkopf, habe versucht pünktlich zu sein und mein Wohnmobil einfach in der benachbarten Hofauffahrt geparkt. Rüdigers Frau muss leider an diesem Morgen arbeiten, hat uns aber alles aufgetischt, was Küche und Keller so hergeben.  Es wird ein fulminanter Start in den Tag.

Eine Stunde später sind wir soweit. Umgezogen stehen wir in Rüdigers Stall, er stellt mir Iwan vor. Iwan ist nicht mehr ganz jung, ein kräftiger russischer Isabelle mit einem Stockmaß knapp über 1,50. Rasse? Unbekannt! Ich soll Iwan nachher reiten. Rüdiger putzt einen jungen Freiberger. Dann die erste Überraschung. Was da auf die Pferde kommt ist eine Mischung aus Western- und Wanderreitsattel. Versehen mit Klipps und Schnallen und allem, was man so braucht, um Gepäck sicher und pferdeschonend zu verstauen. Rüdiger erklärt, das sei eine Entwicklung, die der VFD gemeinsam mit einem Sattelhersteller auf den Markt gebracht habe. Unter den Sätteln liegen extra lange Pads, damit die Satteltaschen nicht scheuern.

Rüdiger macht mich darauf aufmerksam, dass er mit Helm reitet. Ich versichere Ihm, meinen Hut würde ich auf eigene Gefahr aufbehalten. Damit sind alle Vorbereitungen getroffen, das Wetter ist wunderbar. Es kann los gehen.

10.30, Wir reiten durch Rüdigers Dorf auf dem Weg in ein nahe gelegenes Tal. Ein paar hundert Meter, die Natur beginnt. Rüdiger führt mich über Feld- und Waldwege, neben uns in der Wiese plätschert ein Bach, verborgen im hohen Gras. Iwan und ich arbeiten derweil an unserer Kommunikation. Noch versteht er nicht genau, was ich von ihm will. Ein Russe halt. Aber es wird von Minute zu Minute besser. Wir erreichen das Tal, es wird enger, der Bach kommt aus dem Gras hervor und sprudelt jetzt direkt neben uns in einem Bett aus großen und kleinen Steinen. Rüdiger erklärt mir woher und wohin des Wassers. Wir sind jetzt eine gute halbe Stunde unterwegs. Die Pferde dürfen im Bach trinken. Das Tal wird breiter, der Bach verschwindet im Untergrund und plötzlich öffnet sich ein phantastischer Blick über die umgebenden Hügel und Täler. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass wir die ganze Zeit leicht bergauf geritten sind.

Wanderer und Radfahrer begegnen uns, die wir alle ausgesucht freundlich grüßen. Immer wird der Gruß erwidert. Unsere erste Rast wird laut Rüdiger in einem Gasthaus mitten im Wald sein. Er habe sich dort verabredet und wir würden sicher noch andere Reiter treffen. Offenbar sind wir aber etwas langsam vorangekommen. Rüdigers Verabredung kommt uns entgegen. Ein großer Schecke, darauf ein Mann, der durchaus in jedem Western eine Hauptrolle hätte spielen können. "Wo bleibt ihr?" "Ich muss dem Nordlicht doch unsere schöne Landschaft zeigen!"

Es geht am Waldrand entlang, vorbei an Maisfeldern, die gegen Wildschweine eingezäunt sind, wieder zurück in den Wald. Hinter eine Kurve zeigt sich ein alter Turm einer ehemaligen Burg. Wir reiten daran vorbei und erreichen das Ausflugslokal. Direkt neben dem Eingang ist ein großes Schild angebracht, dass diesen Ort als pferdefreundliches Gasthaus ausweist, ein Schild, das von der VFD verliehen wird. Gegenüber dem Biergarten ist eine große Wiese. Wir binden unsere Pferde an Obstbäumen fest. Im Schatten unter den Bäumen warten noch andere Pferde.

Rüdiger ist hier gut bekannt und stellt mich zwei jungen Frauen vor, die ebenfalls hierher geritten sind. Die beiden Reiterinnen laden uns auf ein Bier ein. Wir unterhalten uns – natürlich über Pferde, Reitwege, Erlebnisse. Rüdiger will nicht nachstehen. Die zweite Runde. Er erzählt, dass der Wirt hier im Wald eine kleine Bisonherde hält. Neugierig wie ich nunmal bin, lasse ich mir die Herde zeigen. Der Wirt berichtet über sein Hobby und freut sich über das Interesse. Jetzt muss er natürlich auch noch einen ausgeben.

Nach gut einer Stunde Pause soll es dann weiter gehen. Die beiden Damen fragen, ob wir den gleichen Weg hätten. Wir begleiten Sie. Die Waldwege sind jetzt etwas steiler. Im Zickzack geht es bergab. Wir erreichen eine alte Försterei. Hier sind die beiden Frauen zu Hause. Also nächste Pause, nächstes Bier. Der Komplex gehört einem ortsansässigen Adeligen, der hier das Wild aus dem Revier verarbeitet, bevor es in den Verkauf geht. Eine der Reiterinnen berichtet über geplante Umbaumaßnahmen. Schade um das alte Gemäuer.

Wir verabschieden uns. Iwan und ich sind schon richtige Freunde geworden. Wer den Dialekt des anderen gelernt hat ist unklar. Aber wir verstehen uns. Der Weg führt uns durch eine kleine Stadt. Inschriften am Stadttor erinnern an die Gründung. Wir reiten mitten durch den Ort. Rüdiger kennt an der anderen Stadtseite ein Furt, durch die wir den gegenüberliegenden Weg erreichen wollen. Also hinein ins Wasser. Das andere Ufer ist nicht weit. Iwan marschiert wie ein Uhrwerk. Rüdigers Freiberger ziert sich etwas. Nanu, wo geht"s denn hier wieder raus aus dem Wasser? Die Wiese, die wir erreichen wollen ist schlammig. Rüdiger will umkehren. Iwan scheint den Weg zu kennen, erkämpft sich durch. Rüdiger nimmt eine nahegelegene Brücke. Auf dem Weg treffen wir uns wieder. Es ist Nachmittag geworden. Rechts von uns ein steiler bewaldeter Hang, links von uns der Fluss und dahinter die malerische alte Stadt.

Der Weg führt uns wieder langsam bergauf. Wir reiten durch Streuobstwiesen, vorbei an kleinen Kuhherden. Weit weg sind die Türme und Gebäude von Koblenz zu sehen. Sehr weit weg. Eine andere Welt. Aufwärts geht´s und wieder bergab. Unser Weg hört an einer Bundesstraße auf. Gegenüber ein unglaublich hoher Berg. Unglaublich natürlich nur für den Fischkopf. Da hinauf will Rüdiger mit mir. Ich bin sicher, das kann nicht gehen. Iwan ist da anderer Meinung und folgt Rüdiger über die Straße und wieder hinein in den Wald. Es wird steil und steiler. Wir führen die Pferde stellenweise. Eine knappe Viertelstunde später sind wir oben. Ein absolut traumhafter Blick erschließt sich. Da unten sollen wir gerade noch gestanden haben? Ich kann es nicht fassen.

Weiter geht der Weg über ein kleines Plateau, kleine Felder und Wiesen und wieder Wald. Es ist schon nach fünf, als wir den nächsten Ort erreichen. Da müssen wir durch. Wir haben jetzt weit über 20 Kilometer und ungezählte Höhenmeter hinter uns. Das Sitzen im Sattel wird zunehmend unangenehmer. Eigentlich wollte Rüdiger noch jemanden besuchen verwirft dieses Vorhaben aber und führt mich direkt zu einer großen Reitanlage. Hier ist ordentlich Trubel. Die rheinland-pfälzischen Landesmeisterschaften sind gerade beendet. Reiter, Pferde, Anhänger, alles durcheinander. Wir binden unsere Pferde an einer langen Anbindestange am Stalltrakt fest und gehen die paar Schritte zum Restaurant des Reitbetriebes.

Auch hier kennt jeder unseren Wanderreiter Rüdiger, was folgt ist die nächste, übernächste und überübernächste Runde. Der Tag auf dem Turnier wird besprochen, es wird gefachsimpelt. Obwohl bekannt, sind wir hier irgendwie Exoten. Eine Frau interessiert sich für unsere Sättel inspiziert sie genau. Sie darf mal rauf. Iwan rührt sich nicht. Er ist wohl genau so müde wie ich.

Nach einer guten Stunde beschließen wir, jetzt endlich den Heimweg anzutreten. Treten ist der richtige Ausdruck. Den verbleibenden Kilometer gehen wir zu Fuß.

Zurück im Stall. Absatteln, Hufe auskratzen, wir massieren die Pferde noch ein bisschen mit dem Striegel und dann quer durchs Dorf auf die Weide. Die beiden fangen an zu toben, als hätte der Ritt nicht stattgefunden. Mir ist überhaupt nicht nach Toben, ich ziehe mich zurück ins Wohnmobil und dort erst einmal um. Diese Pause ohne Bier tut richtig gut.

Eine halbe Stunde später sind wir im örtlichen Gasthaus verabredet. Ich erne Rüdigers Frau kennen, die ihn seltsamerweise immer mit dem Nachnamen anspricht. Eine sehr nette Frau. Irgendwie habe ich die beiden ins Herz geschlossen. Endlich etwas zu essen. Seit dem Frühstück gab´s ausschließlich Flüssignahrung. Der Schankraum ist proppenvoll. Im Fernsehen läuft das Europameisterschaftsspiel Deutschland gegen Dänemark. Die Deutschen gewinnen! Was für ein Tag.

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